Was kommt nach SAP IS-H?
So geht es für Kliniken und Krankenhäuser weiter: ein Update für österreichische Anwender

Die Abkündigung von SAP IS-H beschäftigt noch immer die Healthcare-Branche. Zahlreiche Hersteller arbeiten an einer Nachfolgelösung und eröffnen damit einerseits neue Perspektiven, sorgen andererseits aber auch für Diskussionen beim Thema System-Interoperabilität. In Österreich unterstützt die Bundesbeschaffung GmbH (BBG) die dortigen Kliniken und Krankenhäuser mit einem Ausschreibungsverfahren bei der Wahl des passenden IS-H-Nachfolgers. Eine Standortbestimmung der aktuellen Lage.
Anmerkung der Redaktion: Es gab ein Artikel-Update – denn seit Mitte Januar ist auch die zweite Ausschreibung der BBG zu Nicht-SAP-basierten Systemen abgeschlossen.
Wie die DSAG-Infotage Healthcare am 04. und 05. November 2025 in St. Leon-Rot zeigten, sorgt das Thema IS-H-Ablöse noch immer für Anspannung in der Healthcare-Branche. Zwar sind zahlreiche Nachfolgelösungen in Arbeit und erweitern damit potenziell das Angebot im DACH-Raum – nahezu alle etablierten Hersteller von Krankenhausinformationssystemen (KIS) entwickeln derzeit eigene integrierte Lösungen für Patientenadministration und -abrechnung. „Aber erstens kündigten einige dieser zentralen Anbieter an, künftig keine alternativen (any-KIS) Abrechnungslösungen mehr unterstützen zu wollen. Das sorgt für enorme Verunsicherung bei den Häusern. Und zweitens haben zahlreiche Systeme noch keinen ausreichenden Reifegrad“, ordnet Walter Schinnerer, DSAG-Fachvorstand Österreich, ein. „Unsere Veranstaltung im November brachte die entscheidenden Player zusammen und das Schlüsselthema Interoperabilität auf den Tisch. Wir haben klargestellt, dass Kliniken mit Blick auf Abrechnungssysteme Wahlfreiheit brauchen und standardisierte Schnittstellen und offene Plattformen damit essenziell sind. Der Austausch zwischen den Häusern, KIS-Herstellern und SAP-Anwenderunternehmen in St. Leon-Rot war dafür ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.“
Ausschreibungsverfahren der öffentlichen Hand
Während deutsche Krankenhäuser und Klinken selbst abwägen müssen, auf welchen Systemanbieter sie setzen und ob sie auf ein komplett neues KIS umziehen, unterstützt in Österreich die Bundesbeschaffung GmbH (BBG) mit zwei Ausschreibungsverfahren: Das erste fokussierte den Markt rund um SAP-basierte IS-H-Nachfolger für die Patientenadministration und -abrechnung und ist seit Mitte 2025 abgeschlossen. Das zweite Verfahren nahm Nicht-SAP-basierte Systeme in den Blick. Die Ergebnisse liegen seit Mitte Januar 2026 vor.
Vorteil für Kliniken und Krankenhäuser
Anhand eines ausführlichen Kriterienkatalogs prüft die BBG verschiedene Lösungsanbieter, analysiert, inwiefern diese mit ihren Leistungen die Krankenhausbedarfe abdecken und bewertet Angebote. Mit den aus BBG-Sicht geeignetsten Unternehmen schließt die zentrale Einkaufsgesellschaft des Bundes Rahmenvereinbarungen. Davon profitieren die österreichischen Spitäler: Sie sparen sich aufwändige Recherchen und können die ausgewählten Lösungen über die BBG-Verträge unkompliziert beziehen und einsetzen.
SAP-basierte IS-H-Nachfolger
Das erste Los des Ausschreibungsverfahrens entschieden T-Systems und Partner ATSP für sich. Sie bekamen mit ihrer Lösung T-Systems Solution for HealthCare (TSHC) den Zuschlag. Das Produkt, das alle bekannten IS-H-Funktionen liefern soll, wurde für die S/4HANA-Umgebung entwickelt mit dem Ziel, Nutzer:innen eine schnelle Implementierung zu ermöglichen. Es steht im SAP-Standard-Frontend zur Verfügung und wird ab Januar 2026 auf dem österreichischen Markt ausgerollt.
Im zweiten Los wurde die Bietergemeinschaft aus SCC und GITG gelistet. Auch diese beiden Unternehmen stellen mit „GS-H“ eine Lösung auf der SAP-S/4HANA-Plattform zur Verfügung, die sämtliche Anforderungen rund um das Patientenmanagement sowie administrative und finanzielle Prozesse abdecken soll – allerdings nicht im gewohnten SAP-Frontend. Die Bereitstellung von GS-H wird ab dem zweiten Quartal 2026 erfolgen.
„Damit haben unsere Spitäler große Markttransparenz, werden bei der Produktauswahl entlastet und bekommen eine rechtssichere Entscheidungsgrundlage“, erklärt Christoph Wuczkowski, Sprecher der Arbeitsgruppe Gesundheitswesen Österreich (SAGA).
Ausschreibung für Nicht-SAP-basierte Systeme
Seit Mitte Januar ist auch das zweite Verfahren für Nicht-SAP-basierte Systeme abgeschlossen. Die BBG hat Rahmenvereinbarungen mit gleich drei Anbietern geschlossen: mit PCS, CliniCenter und CGM. Das Ergebnis der Ausschreibung ist für abrufberechtigte Unternehmen im e-Shop der BBG abrufbar.
„Positiv ist, dass all diese Lösungen in den Startlöchern stehen und technisch eine solide Alternative zu IS-H darstellen“, erläutert Wuczkowski. „Zur Wahrheit gehört aber ebenso, dass die Neueinführungen eine hohe Kostenbelastung bedeuten – nicht nur aufgrund der notwendigen Kapazitäten, die die Klinken aufbringen müssen. Sondern auch weil neue, zusätzliche Lizenzkosten auf sie zukommen. Für Nutzer:innen eines SAP-basierten IS-H-Nachfolgers sind weiterhin entsprechende SAP-User-Lizenzen zu beschaffen bzw. weiterzuverwenden. Hinzu kommen die Preise für das neue Drittprodukt. Diese Kosten sollten die Häuser unbedingt einplanen.“
Ausschreibung für i.s.h.med-Nachfolge in Aussicht
SAPs Abkündigung von IS-H folgte Anfang 2024 die Bekanntgabe von Oracle Cerner, den Support für das KIS i.s.h.med einstellen zu wollen. i.s.h.med von Oracle Cerner basiert auf der SAP-Plattform. Damit entstand ein weiteres Vakuum, das diverse Anbieter aktuell zu füllen versuchen. Um Kliniken auch bei diesem Auswahlprozess zu unterstützen, evaluiert die BBG derzeit, ob sie ein eigenes Verfahren für die Auswahl einer KIS-Nachfolge einleitet.
„Die DSAG-Infotage boten bereits eine hervorragende Übersicht über die KIS-Anbieter, die Lösungen für den österreichischen Markt anbieten. Besonders spannend war dabei zu sehen, welches KIS welchen Reifegrad hat“, so Wuczkowski. Schinnerer ergänzt: „Die Gespräche und Diskussionen haben außerdem eindrücklich gezeigt, dass sich Anbieter, die Schnittstellen zu anderen Systemen ablehnen, mit ihren Insellösungen in eine Sackgasse manövrieren. KIS, die als abgeschottete Silos arbeiten, sind sicherlich nicht die Zukunft.“
Handlungsempfehlung für Klinken und Krankenhäuser
Was bedeutet der Status quo nun für die Klinken und Krankenhäuser in Österreich? „Wenn nicht schon erfolgt, sollten sie ihre Systeme schleunigst einem Readiness-Check oder einer adäquaten technischen Analyse unterziehen. Auch wenn ein BBG-Verfahren möglicherweise noch folgen wird, ist jetzt nicht die Zeit, um tatenlos zu sein. Es gilt, sich breit zu informieren – z.B. auch inwiefern mögliche Cloud-Lösungen eine Option sein können. Schließlich kündigte Avelios Medical bereits an, ein vollständig neu entwickeltes, cloudbasiertes KIS bieten zu wollen und auch andere Hersteller bieten Cloud-fähige KIS-Lösungen an“, erklärt Wuczkowski. „Ebenso sollten die individuelle IT-Strategie verabschiedet und der Rahmen für notwendige Investitionen abgesteckt werden. Dazu zählt auch eine Priorisierung weiterer Projekte wie eine S/4HANA-Transformation. Dann bin ich optimistisch, dass unsere Spitäler auf aktuelle und kommende Herausforderungen gut vorbereitet sind.“
Ausblick auf 2026
Um die Community in dieser Phase zuverlässig zu begleiten, setzt die Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem länderübergreifenden Arbeitskreis Healthcare auch 2026 auf einen intensiven Austausch mit Herstellern und auf eine breite Palette von Formaten, die Orientierung, Transparenz und Wissenstransfer bieten: Online-Sessions, Infotage, fachliche Impulse und Praxisberichte auf impulsant sowie die Vorbereitung weiterer Informations- und Austauschveranstaltungen. Ein Schwerpunkt werden die KIS-Abrechnungstage im November 2026 sein, die sich vertieft den Abrechnungsprozessen und deren Anforderungen widmen. Details zu den geplanten Aktivitäten werden im DSAGNet zeitnah veröffentlicht.