KI als Beschleuniger der Transformation
Die strategische Partnerschaft von Conduct.AI und SAP

SAP hat Conduct.AI als strategischen KI-Partner für SAP-Cloud-ERP-Transformationen positioniert und sich an dem Unternehmen beteiligt. Das Londoner Start-up hat eine KI-basierte Plattform entwickelt, die Unternehmen dabei unterstützen soll, komplexe SAP- und Unternehmenssysteme besser zu verstehen, zu verändern und schneller zu transformieren. Thorsten Düvelmeyer, Sprecher der Arbeitsgruppe LeanIX, kommentiert den Stand der Dinge aus DSAG-Sicht.
Die Transformation bestehender SAP-Landschaften gehört aktuell zu den größten Herausforderungen vieler Unternehmen. Ob der Umstieg auf SAP S/4HANA, die Einführung eines Clean-Core-Ansatzes oder die Modernisierung historisch gewachsener ERP-Systeme – viele Unternehmen stehen vor der Aufgabe, ihre Systeme zukunftsfähig aufzustellen. Obwohl der Mainstream-Support für SAP ECC Ende 2027 ausläuft, haben zahlreiche Unternehmen ihre Migration auf SAP S/4HANA noch nicht abgeschlossen. Ein wesentlicher Grund dafür liegt in der Komplexität der bestehenden Systemlandschaften: Über Jahrzehnte gewachsene Eigenentwicklungen, individuelle Anpassungen, zahlreiche Integrationen und teilweise unvollständige Dokumentationen erschweren die Analyse und Modernisierung.
SAP-Transformationen sind komplex
Gerade bei großen Transformationen entsteht ein erheblicher Zeitaufwand. Gleichzeitig ist das Wissen über bestehende Systemlandschaften häufig auf wenige Expertinnen und Experten verteilt. Diese Komplexität ist eine der zentralen Herausforderungen auf dem Weg zu einem modernen, Cloud-fähigen ERP-Kern.
Projektteams müssen unter anderem:
- Millionen Zeilen individuellen Codes analysieren,
- Integrationen und Schnittstellen nachvollziehen,
- dokumentierte und undokumentierte Abhängigkeiten identifizieren,
- technische Zusammenhänge mit fachlichen Prozessen verbinden,
- Auswirkungen von Änderungen bewerten und
- Wissen aus verschiedenen Teams und externen Partnern zusammenführen.
Zentrale Plattform für den Veränderungsprozess
Conduct.AI bezeichnet sich selbst als „AI Operating System for Enterprise IT“ und verfolgt den Ansatz, Künstliche Intelligenz nicht nur als Assistenzwerkzeug, sondern als zentrale Plattform für den gesamten Veränderungsprozess von Unternehmenssystemen einzusetzen. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf der Analyse, Modernisierung und Transformation komplexer SAP-Landschaften und geht dabei auch über SAP-Systeme hinaus, um den gesamten Prozess zu betrachten.
Die Lösung analysiert technische Informationen aus SAP-Systemen und verbindet diese mit fachlichen Zusammenhängen. Dazu werden unter anderem Eigenentwicklungen, Konfigurationen, Abhängigkeiten, Integrationen und technische Komponenten erfasst und mit den zugrunde liegenden Geschäftsprozessen und -logiken in Beziehung gesetzt. Ziel ist es, ein umfassendes Verständnis darüber zu schaffen, wie ein SAP-System tatsächlich aufgebaut ist, welche Prozesse und Funktionen darauf basieren und welche Auswirkungen geplante Änderungen haben können.
Ein zentraler Bestandteil des Ansatzes ist die SAP Context Engine. Sie führt Informationen aus unterschiedlichen Systembereichen zusammen und schafft einen gemeinsamen Kontext für alle Beteiligten eines Transformationsprojekts – von Fachbereichen über SAP-Berater:innen und Entwickler:innen bis hin zu Test- und Betriebsteams. Durch die Verbindung technischer Informationen, Geschäftsprozesse und Systemabhängigkeiten entsteht ein ganzheitliches Bild der Systemlandschaft. Die Integration in bestehende SAP-Werkzeuge wie SAP Cloud ALM unterstützt dabei die Zusammenführung vorhandener Informationen und soll helfen, Wissenssilos zwischen verschiedenen Projektrollen aufzubrechen.
KI-Agenten übernehmen manuell aufwendige Aufgaben
Auf Basis dieses gemeinsamen Systemverständnisses können KI-Agenten Aufgaben übernehmen, die bislang mit hohem manuellem Aufwand verbunden waren. Dazu gehören beispielsweise die Durchführung von Fit-Gap-Analysen, die Erstellung und Aktualisierung technischer Dokumentationen sowie die Analyse, Generierung und das Testen von Anpassungen im kundeneigenen Code.
Damit ermöglicht Conduct, komplexe Transformationsvorhaben daten- und kontextbasiert zu steuern und Fragen zu beantworten, die in klassischen Projekten häufig nur durch umfangreiche manuelle Analysen geklärt werden können, beispielsweise:
- Welche Objekte sind von einer geplanten Migration betroffen?
- Wo ist eine bestimmte Geschäftsregel oder Preislogik hinterlegt?
- Welche Prozesse nutzen eine bestimmte Funktion?
- Welche Auswirkungen hätte die Änderung eines Feldes oder einer Schnittstelle?
Eine gemeinsame Arbeitsplattform für Transformationsteams
Ein zentraler Ansatz von Conduct soll sein, die verschiedenen Rollen innerhalb einer SAP-Transformation auf einer gemeinsamen KI-gestützten Plattform zusammenzubringen. Fachbereiche, Berater:innen, Entwickler:innen und Testteams arbeiten häufig mit unterschiedlichen Werkzeugen und Wissensständen. Conduct möchte diese Fragmentierung auflösen, indem alle Beteiligten auf eine gemeinsame Informationsbasis zugreifen können.
Die Plattform soll sich laut SAP unter anderem in bestehende SAP-Werkzeuge wie SAP Cloud ALM, SAP Signavio oder auch SAP LeanIX integrieren und Teams entlang des gesamten Veränderungszyklus unterstützen – von der ersten Analyse über die Umsetzung bis hin zu Tests und kontinuierlicher Weiterentwicklung.
Mögliche Einsatzbereiche sind:
- automatisierte Fit-Gap-Analysen,
- Erstellung und Aktualisierung technischer Dokumentationen,
- Unterstützung bei Clean-Core-Bewertungen,
- Analyse von Custom Code,
- Vorbereitung von Migrationen,
- Generierung und Testunterstützung bei Anpassungen.
Dabei setzt Conduct auf sogenannte agentische KI. Im Gegensatz zu klassischen KI-Assistenten, die einzelne Fragen beantworten oder Inhalte erzeugen, sollen diese KI-Agenten komplexere Aufgaben über mehrere Schritte hinweg unterstützen können.
Beispielsweise könnte ein KI-Agent analysieren, welche Auswirkungen eine geplante Änderung hat, betroffene Objekte identifizieren, Testfälle vorbereiten und Implementierungsvorschläge erstellen. Die fachliche Bewertung und Freigabe bleibt dabei weiterhin Aufgabe der verantwortlichen Teams.
Der Wandel von klassischen KI-Assistenten hin zu den agentischen KI-Systemen ist aus DSAG-Sicht interessant. Sollen die KI-Agenten doch künftig eigenständig zusammenhängende Aufgaben übernehmen. „Ob und in welchem Umfang sich dieser Ansatz in der Praxis bewährt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen“, kommentiert Thorsten Düvelmeyer.
Die strategische Partnerschaft mit SAP
Im Rahmen der Partnerschaft ist Conduct als SAP Endorsed App im SAP Store verfügbar. Das Programm ist ausgewählten Partnerlösungen vorbehalten, die SAP als sinnvolle Ergänzung des eigenen Portfolios einstuft und die einen zusätzlichen Mehrwert für gemeinsame Kunden bieten sollen. Eine Aufnahme als SAP Endorsed App soll eine besondere Sichtbarkeit innerhalb des SAP-Partnerökosystems schaffen und die strategische Bedeutung der Lösung unterstreichen.
Die Partnerschaft steht im Kontext von SAPs Strategie, den Einsatz von Business AI entlang des gesamten Transformationsprozesses auszubauen. Ziel ist es, Unternehmen schneller zu einem modernen, Cloud-nativen ERP-Kern zu führen und damit die Grundlage zu schaffen, um zukünftige KI-Funktionen und Automatisierungsmöglichkeiten effektiv nutzen zu können. Ein sauberer, standardisierter und transparenter Systemkern gilt dabei als wesentliche Voraussetzung, um den Nutzen von KI im Unternehmensumfeld vollständig auszuschöpfen. Sebastian Steinhäuser, Chief Operating Officer und Mitglied des Vorstands der SAP SE, beschreibt die Migration zu einem Cloud-nativen Kern als einen entscheidenden Schritt, damit Unternehmen das Potenzial von KI vollständig nutzen können.
Für Düvelmeyer zeigt die Partnerschaft zwischen SAP und Conduct.AI einen wichtigen Trend im SAP Ökosystem: „Künstliche Intelligenz entwickelt sich von einer reinen Assistenztechnologie hin zu einem Bestandteil von Transformations- und Entwicklungsprozessen. Analyse, Dokumentation und Modernisierung gehören zu den Bereichen, in denen KI bereits heute konkrete Unterstützung bieten kann. Gleichzeitig entstehen neue Fragestellungen rund um den verantwortungsvollen Einsatz solcher Technologien.“
Bedeutung für die DSAG-Mitglieder
Laut SAP könnten gerade Unternehmen mit komplexen, historisch gewachsenen SAP-Landschaften von solchen Lösungen profitieren. Ein potenzieller Mehrwert soll insbesondere in folgenden Vorteilen liegen:
- einer schnelleren Analyse komplexer Systemlandschaften,
- einer besseren Transparenz über Eigenentwicklungen, Abhängigkeiten und individuelle Anpassungen,
- der Unterstützung von Clean-Core-Initiativen,
- einer effizienteren Vorbereitung und Durchführung von S/4HANA-Transformationen,
- einer verbesserten und aktuelleren Systemdokumentation,
- einer deutlich schnelleren Umsetzung von Änderungen und Innovationen
- sowie einem echten Business- und IT-Alignment, da Conduct eine übergreifende Lösung für alle Stakeholder darstellt.
SAP-Anwenderunternehmen müssen die verschiedenen KI-Angebote am Markt sorgfältig bewerten. Neben dem konkreten Nutzen sind dabei auch Integrationsfähigkeit, Sicherheit, Governance und Wirtschaftlichkeit zu berücksichtigen. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung rund um Conduct.AI einen größeren Trend: KI wird zunehmend zu einem Bestandteil von SAP-Transformationen und nicht mehr nur als isoliertes Assistenzwerkzeug betrachtet.
„Unternehmen sollten den Einsatz solcher Technologien kritisch und strukturiert beurteilen. Die Qualität KI-basierter Ergebnisse hängt von verschiedenen Faktoren ab – insbesondere von der Datenqualität, der technischen Integration sowie der fachlichen Prüfung und Validierung der Ergebnisse. Aus diesem Grund hat der Nutzer bei Conduct bei jedem Schritt die volle Kontrolle und Transparenz“, erläutert Düvelmeyer.
Chancen und Risiken ausgewogen betrachten
Gerade im Umfeld geschäftskritischer SAP-Prozesse bleiben Anforderungen an Sicherheit, Datenschutz, Compliance, Governance und Nachvollziehbarkeit zentral. KI kann Expert:innen unterstützen, Wissen zugänglicher machen und Analysen beschleunigen. Sie ersetzt jedoch nicht die Verantwortung für Architekturentscheidungen, Prozessverständnis und fachliche Bewertung.
Für Unternehmen wird entscheidend sein, Chancen und Risiken ausgewogen zu betrachten. Neben technischen Möglichkeiten müssen insbesondere Governance, Transparenz und Sicherheit von Beginn an berücksichtigt werden. Für Düvelmeyer könnte Conduct.AI ein Beispiel für eine größere Entwicklung sein: „KI wird künftig eine immer wichtigere Rolle dabei spielen, komplexe Unternehmenssysteme zu verstehen, zu verändern und weiterzuentwickeln. Auch für kleinere Unternehmen bietet Conduct viel Potenzial, da man sehr schnell starten kann mit vordefinierten Workflows, ohne selbst Prompts entwickeln zu müssen.“
Die DSAG wird die Entwicklungen weiterhin aufmerksam begleiten. Für Fragen, Anmerkungen oder eigene Erfahrungen mit Conduct.AI oder dem Einsatz von KI in SAP-Transformationen stehen Ellen Batzler, Manager Ressort Technologie (ellen.batzler@dsag.de), und Thorsten Düvelmeyer (thorsten.duevelmeyer@fielmann.com) gerne zur Verfügung.
Unternehmen sollten den Einsatz solcher Technologien kritisch und strukturiert beurteilen. Die Qualität KI-basierter Ergebnisse hängt von verschiedenen Faktoren ab – insbesondere von der Datenqualität, der technischen Integration sowie der fachlichen Prüfung und Validierung der Ergebnisse. Aus diesem Grund hat der Nutzer bei Conduct bei jedem Schritt die volle Kontrolle und Transparenz.