„Rund 70 Prozent der KI-Projekte scheitern am falschen Fokus“
Warum der Einsatz von KI in Unternehmen vor allem auch eine Führungs- und Organisationsfrage ist – und welche Chancen daraus für Young Professionals entstehen.

Künstliche Intelligenz (KI) entwickelt sich so rasant, dass Unternehmen kaum Schritt halten können. Im Interview erklärt Dr. André Holstein, Leiter der EBS Executive School, wie insbesondere junge Führungskräfte diesem Tempo begegnen und welche Fragen sie sich stellen sollten, um KI sinn- und wirkungsvoll im Unternehmen zu verankern.
Dr. Hollstein, die Executive School ist innerhalb der EBS der Bereich, der Weiterbildungen für erfahrene Führungskräfte, aber auch Young Professionals anbietet. Welche Rolle nimmt KI darin ein?
Dr. André Hollstein: Unsere Weiterbildungen drehen sich im Kern um Fragen wie: Wie entwickle und steuere ich als Führungskraft Strategie, Vision und Zielsetzung? Wie gelingt es, Innovation wirksam in mein Unternehmen zu tragen? Was braucht es, damit dieses langfristig wettbewerbsfähig ist? Vor diesem Hintergrund spielt auch Künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle. Dabei geht es weniger um die Technologie selbst, sondern vor allem um die damit verbundenen Strategien, die Menschen im Unternehmen sowie um Prozesse und Daten, die im Kontext KI relevant sind. Denn Führungskräfte sollten in der Lage sein, strategisch zu beurteilen, inwieweit Künstliche Intelligenz das Unternehmen sinnvoll unterstützen kann. Genau diese Aspekte diskutieren wir mit den Teilnehmenden und erarbeiten gemeinsam Zielsetzungen für tragfähige Lösungen in den Unternehmen.
Von OpenAI über Anthropic bis zu DeepSeek – und natürlich SAP mit ihrem Business-AI-Portfolio: Der KI-Markt wächst und entwickelt sich in einem rasanten Tempo. Wie behalten insbesondere junge Führungskräfte in diesem Ökosystem noch den Durchblick?
Die Dynamik rund um KI ist derzeit so hoch, dass vieles, was heute als großer Trend gilt, morgen schon wieder überholt sein kann. Vor zwei Jahren hat kaum jemand über Agentic AI gesprochen – heute bestimmt die automatisierte Prozesssteuerung durch KI-Agenten zahlreiche Diskussionen.
Deshalb ist es meiner Meinung nach wenig zielführend, KI nur über einzelne Tools oder aktuelle Hypes wie Bots oder Automatisierungsplattformen zu betrachten. Zumal: Eine Führungskraft muss nicht unbedingt verstehen, wie ein Large-Language-Model im Detail funktioniert, dafür gibt es andere Expert:innen im Unternehmen. Vielmehr sollte sie sich darauf konzentrieren, wie sich diese Technologie sinnvoll im Unternehmen verankern lässt. Genau darin liegt aus meiner Sicht auch die zentrale Herausforderung für Führungskräfte. Junge Führungskräfte haben dabei oft den Vorteil, dass sie mit digitalen Technologien selbstverständlicher umgehen und neue Entwicklungen schneller einordnen können.
Und wie beantworten Führungskräfte die Frage nach dem Wie? Also wie lässt sich die Technologie sinnvoll im Unternehmen verankern?
Wir haben eine Art Framework entwickelt, das Führungskräften dabei Orientierung geben soll. Ausgangspunkt ist immer die Frage nach Vision und Strategie: Wo möchte ein Unternehmen überhaupt hin? Darauf bauen vier zentrale Säulen auf.
Die erste betrifft die Menschen und damit die Führungskräfte sowie die Organisation. Denn Untersuchungen zeigen: Rund 70 Prozent der KI-Projekte scheitern am falschen Fokus, weil das Augenmerk zu sehr auf der Technologie liegt – und zu wenig auf Führung, Organisation und Menschen im Unternehmen. Die zweite Säule umfasst Prozesse und Operations, einschließlich der Frage, welche Prozesse sich sinnvoll durch KI unterstützen lassen und welche Rolle Daten dabei spielen. Bei der dritten Säule geht es um Geschäftsmodelle und die Überlegung, wie KI bestehende Modelle stärken oder neue Geschäftsmodelle ermöglichen kann. Die vierte Säule widmet sich der eigentlichen technologischen Umsetzung – also welche KI-Modelle setze ich ein, wie integriere ich sie in meine Systeme oder wie erhalten sie Zugriff auf unternehmensrelevantes Wissen und Daten.
Nur wenn diese Säulen mit der Vision und Strategie zusammengedacht werden, kann KI langfristig erfolgreich zur Transformation eines Unternehmens beitragen.
Damit erfordert die KI-Einführung von Führungskräften ein umfassendes Change-Management, richtig?
Die aktuellen Veränderungen durch KI, Agenten und Automatisierung haben enorme Auswirkungen auf Arbeitsprozesse und Organisationen. Einerseits lassen sich Abläufe effizienter abwickeln, verschlanken, optimieren. Andererseits wächst bei vielen Mitarbeitenden verständlicherweise die Sorge, was diese Entwicklung für ihren Arbeitsplatz bedeutet.
Deshalb kommt Führungskräften eine zentrale Rolle zu. Sie müssen nicht nur technologische Veränderungen begleiten, sondern insbesondere den organisatorischen Wandel gestalten und Mitarbeitende in diesem Prozess mitnehmen. Hinzu kommen rechtliche und regulatorische Fragen, die vor allem dann relevant werden, wenn Unternehmen eigene KI-Lösungen entwickeln oder einsetzen.
Das ist keine triviale Aufgabe, und ich glaube, viele Führungskräfte sind auf diese Dynamik gar nicht ausreichend vorbereitet. In vielen Unternehmen entsteht aktuell ein hoher Druck, beim Thema KI möglichst schnell aktiv zu werden. Dabei wird oft unterschätzt, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die Organisation als Ganzes haben.
Genau darin liegt aus meiner Sicht einer der häufigsten Fehler: dass Unternehmen zu technologiegetrieben handeln und die Auswirkungen auf Prozesse, Zusammenarbeit und Menschen unterschätzen. Deshalb – um es noch einmal zu betonen – ist es entscheidend, das Zusammenspiel zwischen Technologie, Organisation und Mitarbeitenden ganzheitlich zu betrachten und den Wandel so zu gestalten, dass er langfristig funktioniert und innerhalb des Unternehmens mitgetragen wird. Also ja, die KI-Einführung erfordert von Führungskräften ein umfassendes Change-Management.
Was bedeutet das für junge Menschen – darunter die DSAG 4 Young Leaders – in den ersten Berufsjahren: Wie können sie diesen Wandel nutzen, um sich innerhalb des Unternehmens zu positionieren?
Ich glaube, gerade für junge Menschen steckt darin eine große Chance. Sie sind mit digitalen Technologien aufgewachsen und haben dadurch einen anderen Zugang zu Themen wie KI, virtuelle Realitäten oder digitalen Geschäftsmodellen als ältere Kolleg:innen. Für sie ist der Umgang deutlich natürlicher, weil sie gelernt haben, diese selbstverständlich in ihren Alltag und ihre Arbeitsweise zu integrieren. Somit sind sie viel besser in der Lage, diesen Innovationsaspekt in die Organisation zu tragen als Mitarbeitende, die schon seit 30 Jahren im Unternehmen arbeiten und solche Entwicklungen eher evolutiv mitbekommen haben.
Mehr noch: Viele Unternehmen – insbesondere in stark digital geprägten Branchen – geraten derzeit unter Druck, weil junge Menschen mit neuen, progressiven Ideen auf den Markt strömen. Sie verbinden Kundenbedürfnisse mit technologischen Lösungen, die etablierte Unternehmen aufgrund ihrer gewachsenen und starren Strukturen oft nicht so schnell umsetzen können.
Gerade hier liegt die Chance für junge Führungskräfte im Unternehmen: Sie können Impulse setzen, zum Umdenken anregen und für Dynamik sorgen. Ihr Technologieverständnis hilft ihnen, die Geschäftsentwicklung im Unternehmen schneller voranzutreiben. Zugleich werden sie zu wichtigen Sparringspartnern für erfahrene Führungskräfte und unterstützen diese dabei, den notwendigen Transformationsprozess erfolgreich zu gestalten.
So gewinnen junge Talente innerhalb der Unternehmen spürbar an Bedeutung. Die Möglichkeit, echten Mehrwert zu bringen und Transformation mitzugestalten, war für junge Führungskräfte wahrscheinlich selten größer als heute. Deshalb sollten sie diese aktiv nutzen!
KI-Weiterbildungen für DSAG-Mitglieder
Für (junge) Führungskräfte, die diese Chance nutzen und sich mit Blick auf die strategische KI-Implementierung weiterbilden möchten, bietet die EBS Executive School passende Formate. DSAG-Mitglieder erhalten Sonderkonditionen.
Die KI-Zertifizierung „Certified AI Advisor“ richtet sich an Berater:innen (inhouse oder aus Beratungsunternehmen), die Unternehmen strategisch bei der Einführung und Umsetzung als zentrale Schnittstelle zwischen Technologie, Strategie und Praxis begleiten.
Das Seminar „KI für Führungskräfte: Treiber der Unternehmensstrategie“ adressiert Mitarbeitende des mittleren und höheren Managements, IT- und Produktmanager:innen, Digitalisierungsexpert:innen, Unternehmer:innen und Start-up-Gründer:innen, die die Chancen und Herausforderungen der KI verstehen wollen, um innovative Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Weitere Infos zu Rabatten und den DSAG-Konditionen gibt es per E-Mail an Dr. Reinhard Ematinger, Projektverantwortlicher 4YL (reinhard.ematinger@dsag.de).