DSAG-Einordnung: SAP Digital Health Platform
Was die neue SAP-Plattformstrategie für die Krankenhäuser und Kliniken bedeutet

Kürzlich hat SAP in verschiedenen Blog-Beiträgen deutlich gemacht, im Gesundheitswesen nicht das führende klinische System, sondern eine übergreifende Integrations-, Daten-, Governance- und Innovationsplattform zwischen Krankenhausinformationssystem (KIS), Patientenabrechnung, ERP, Forschung und spezialisierten Partnerlösungen etablieren zu wollen. Gleichzeitig wurde eine Partnerlösung zur KI-gestützten klinischen Entscheidungsunterstützung angekündigt. Im Vorfeld der DSAG-Partnertage: Healthcare 2026 am 03. und 04. November 2026 in St. Leon-Rot ordnet der DSAG-Arbeitskreis Healthcare die Neuerungen ein.
Krankenhäuser und Kliniken haben heute vielfach mit einer stark fragmentierten IT zu kämpfen. Dazu zählen verschiedene Krankenhausinformationssysteme (KIS), elektronische Patientenakten (Electronic Medical Records, EMR), Abrechnungssysteme, unterschiedliche ERP-Systeme, medizinische Fachsysteme, Forschungsdatenbanken sowie zahlreiche weitere Einzellösungen. Diese Systeme möchte SAP mit der Digital Health Plattform (DHP) nicht vollständig ersetzen. Vielmehr plant der Software-Hersteller, sie durch eine verbindende Daten-, Integrations-, Governance- und Innovationsschicht zu ergänzen. Positioniert wird die Plattform dabei als offen für unterschiedliche klinische und abrechnungsbezogene Systeme.
So soll es laut SAP möglich sein, SAP- und Non-SAP-Systeme sowie hybride und cloudbasierte Landschaften einzubinden. Die Stichworte in diesem Kontext lauten: HL7 FHIR, openEHR, IHE, OMOP und ISiK (siehe Glossar). Gleichzeitig soll es wiederverwendbare Regeln für Identitäten, Zugriffe, Einwilligungen, Stammdaten, Anonymisierung, Datenherkunft, Residenz und Souveränität geben. In welchem Umfang diese Funktionen bereits produktiv verfügbar sind, geht aus den Beiträgen noch nicht eindeutig hervor.
DHP als Teil übergreifender Datenstrategie
SAP-seitig wird die DHP nicht ausschließlich als IT-Projekt gesehen, sondern auch als wesentlicher Bestandteil einer Datenstrategie. So positioniert der Software-Hersteller die neue Plattform als Mittel, um klinische Daten, die für Versorgung, Forschung, KI-Anwendungen und Kooperationen strategischen Wert haben, nutzbar zu machen. Gleichzeitig benennt SAP je nach Einrichtungstyp möglichen unterschiedlichen Mehrwert:
- Universitätskliniken könnten die DHP eine engere Verbindung von Versorgung, Forschung und Lehre ermöglichen.
- Private Krankenhausgruppen könnten unterstützt werden bei der Nutzung ihrer großen standortübergreifenden Datenbasis.
- Allgemeinen und regionalen Krankenhäusern könnte es die DHP ermöglichen, kontrolliert an Datenökosystemen teilzunehmen und bereits validierte Innovationen zu übernehmen.
Aus den bislang veröffentlichten Beiträgen geht unter anderem noch nicht hervor, welche Investitionen getätigt werden müssten, welche Finanzierungsmodelle es gibt, wie die Vertragsgestaltung aussieht, wer haftet und welche Voraussetzungen konkret für kleinere Häuser gelten.
Glossar
- HL7 FHIR (Health Level Seven Fast Healthcare Interoperability Resources): internationaler Standard für den Datenaustausch im Gesundheitswesen
- openEHR: offener Standard in der Gesundheitsinformatik, der die Verwaltung und Speicherung, den Abruf und den Austausch von Gesundheitsdaten in elektronischen Patientenakten beschreibt.
- IHE (Integrating the Healthcare Enterprise): internationale Initiative zur Verbesserung des Datenaustauschs und der Interoperabilität zwischen IT-Systemen im Gesundheitswesen.
- OMOP (Observational Medical Outcomes Partnership): standardisiertes Datenmodell im Gesundheitswesen.
- ISiK (Informationstechnische Systeme in Krankenhäusern): verbindlicher Standard für den digitalen Austausch von Gesundheitsdaten in deutschen Kliniken.
DSAG-Einschätzung zu SAPs Digital Health Plattform
„All diese Strategien basieren auf einer ganzheitlichen SAP-Cloud-Strategie. Es ist spannend zu beobachten, wie SAP jetzt erneut eine Plattform anbieten möchte, um Szenarien im Gesundheitswesen abzudecken“, so Michael Pfeil, Sprecher DSAG-Arbeitskreis Healthcare. Doch: Der Software-Hersteller setze hierfür den Einsatz von Technologien und vorhandene Strategien in den Kliniken und Krankenhäusern voraus, die kaum ein Haus leisten könne – so z. B. die Nutzung von Cloud-ERP, SAP Business AI Platform (BAIP), SAP Business Data Cloud, SAP Joule. „Wir befinden uns aktuell in einer Zeit, in der die relevanten Partnerunternehmen die Basics noch nicht bieten – etwa Lösungen für die Abrechnung und die IS-H-Nachfolge oder durchgängige, möglichst homogene Systemlandschaften. Das vor Augen, ist die SAP-Vorstellung, all diese Systeme über die DHP zu verbinden, sehr visionär“, so Pfeil.
Es ist aus DSAG-Sicht positiv zu bewerten, dass SAP Technologien verfügbar macht, um eine solche Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Doch: Die Commitments aller relevanten Anbieter, diese Vision zu realisieren, fehlen. „Hinzukommt, dass die Investitionskosten in Cloud-Strukturen, um diese Produkte überhaupt nutzen zu können, immens sind. Darüber hinaus fehlt das Know-how in den Häusern größtenteils und externe Spezialist:innen im Kontext kritischer Infrastrukturen sind Mangelware“, erläutert Pfeil. Dementsprechend sind aus DSAG-Sicht zum jetzigen Zeitpunkt weder der technologische Fortschritt noch die Geschwindigkeit, mit der SAP hier vorangehen möchte, in den Kliniken abbildbar.
Plattformstrategie trotz IS-H-Abkündigung?
Darüber hinaus stehen diese Angebote aus DSAG-Sicht im Widerspruch zur IS-H-Abkündigung und dem damit verbundenen Rückzug aus der Healthcare-Industrie. „Das Ganze erweckt den Anschein, als wolle SAP Großkunden überzeugen – ohne tatsächlich selbst weiterhin in den Markt zu investieren“, so Pfeil. Es ist unübersehbar, dass Künstliche Intelligenz (KI) aus SAP-Sicht ein weiterer Schlüssel zum Erfolg ist. Doch die Realität in den Kliniken und Krankenhäusern zeigt: In vielen Häusern existiert noch nicht einmal die Basis für KI-Agenten.
Zusammengefasst ergeben sich aus DSAG-Sicht daher zum jetzigen Zeitpunkt folgende Fragen:
- Welche Komponenten sind heute produktiv verfügbar und welche sind noch Teil des strategischen Zielbilds?
- Welche KIS- und Abrechnungssysteme werden standardisiert unterstützt?
- Welche Healthcare-Datenmodelle, Konnektoren und Governance-Funktionen liefert SAP selbst?
- Wie sind Lizenzierung, Datenbewegung, Betrieb, Support und souveräne Bereitstellung geregelt?
- Wer trägt die End-to-End-Verantwortung in einer Architektur aus KIS, SAP-Plattform, Cloud und Partnerlösungen?
Zertifizierte KI-Lösung als echtes Medizinprodukt
Neben den Ankündigungen zur DHP hat SAP mit „Prof. Valmed for SAP“ auch die erste als echtes Medizinprodukt zertifizierte KI-Lösung eines Partners im SAP-Store veröffentlicht. Die Software-as-a-Service (SaaS)- bzw. API-Lösung soll Antworten auf klinische Fragen liefern und diese mit medizinischer Literatur, Leitlinien und weiteren nachvollziehbaren Quellen verknüpfen. Ziel ist es, einen schnelleren Zugang zu Wissen zu ermöglichen sowie klinische Entscheidungen transparent und nachvollziehbar zu machen. Produktseitig wird die SAP Integration Suite nicht zwingend benötigt, kann aber eingesetzt werden. Interessierte können einen 14-tägigen Testzugang erhalten. Zudem bietet SAP kostenpflichtige Halbjahres- und Jahreszugänge.
DSAG-Einordnung zu Prof. Valmed for SAP
„Prof. Valmed for SAP zeigt, wie SAP den Plattformgedanken lebt: Ein spezialisierter Partner liefert medizinische KI und die Lösung über APIs beziehungsweise bei Bedarf über die SAP Integration Suite. Doch dahinter verbergen sich vielfältige Fragestellungen, die SAP nicht alleine beantworten kann. Im Kontext von Patientendaten und -journey ist SAP auf die Expertise Dritter angewiesen“, so Pfeil. Insgesamt gibt es aus DSAG-Sicht vor dem Einsatz der neuen Lösung noch einige offene Punkte, die geklärt werden müssen. Das betrifft sowohl Datenflüsse, Verarbeitungs- und Speicherorte als auch Rollen und Berechtigungen. Zudem ist zu klären, ob die vorhandenen Informationen zu Dokumentation und Haftung für den konkreten Einsatz ausreichen. Darüber hinaus ist noch unklar, für welche Anwendungsszenarien die Zertifizierung tatsächlich gilt. Antworten auf die aus Anwendersicht noch offenen Fragen erwartet die DSAG unter anderem bei den DSAG-Partnertagen Healthcare am 03. und 04. November 2026 in St. Leon-Rot.
Weiterführende Inhalte
Details zu den hier aufgeführten Inhalten liefern folgende SAP-Beiträge:
- https://community.sap.com/t5/sap-for-healthcare-blog-posts/the-digital-health-platform-as-strategic-imperative-a-global-ceo-framework/ba-p/14423478
- https://community.sap.com/t5/sap-for-healthcare-blog-posts/the-board-decides-the-cio-delivers-a-digital-health-platform-powered-by-sap/ba-p/14444392
- https://www.sap.com/products/artificial-intelligence/partners/prof-valmed-validated-medical-prof-valmed-for-sap.html
Gremien
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